Aufstieg in der FFH-Oberliga Hessen 2005

Am Ende hatten al­le gut lachen. Spieler, Trainer und Vor­standsmitglieder der SG Bruchköbel la­gen sich nach dem unspektakulären 0:0 gegen den FC Bayern Alzenau jubelnd in den Armen. Zwei Spieltage vor Rundenschluss steht Bruchköbel als Meis­ter der Landesliga Süd und erster Auf­steiger in die Oberliga fest. Die SGB schrieb damit gleich in zweifacher Hin­sicht Geschichte. Zum einen ist der Fuß­ballkreis Hanau 19 Jahre nach dem Ab­stieg von Hanau 93 endlich wieder in Hessens höchster Amateurklasse ver­treten, zudem ist es für Bruchköbel der erste Oberliga-Aufstieg der Abteilungs­geschichte.

Auch im Lager der Gäste gab es nur zufrie­dene Gesichter. „Mit dem Unentschieden bin ich hochzufrieden. Wir waren nicht so vermessen, zu glauben, in Bruchköbel gewinnen zu können. Der eine Punkt hilft uns im Rennen um Platz zwei weiter" meinte Klaus Reusing. Dass Alzenaus Coach kein Risiko eingehen wollte, merk­ten die knapp 800 Zuschauer von Beginn an. Torsicherung stand an erster Stelle. Bezeichnend, dass SGB-Torwart Thorsten Peters nur in der 43. Minute bei einem Weitschuss von Marc Rickert auf der Hut sein musste.

Den Bayern kam die erneut schwache Chancenverwertung der Platzherren ent­gegen. Fünf hochkarätige Gelegenheiten konnte das Team von Holger Trimhold nicht verwerten. Kein Wunder, dass in der Verstärkung der Offensive das Hauptau­genmerk der Verantwortlichen für die nächste Saison liegt. Schon nach sechs Mi­nuten hätte Tony Dedmond das 1:0 markie­ren können. Nach einem haarsträubendem Stellungsfehler von Holger Heininger hat­te Dedmond freie Bahn, scheiterte aber an Bayern-Keeper Elvir Smajlovic. Smajlovic, in der Winterpause vom Liga­konkurrenten FSV Hellas Frankfurt ge­kommen, konnte auch später seine Klasse unter Beweis stellen. Bruchköbel war Herr im Ring, musste aber bis zur 29. Minute warten, ehe sich Christian Schnarr die nächste Chance bot. Mit seinem 16-Meter-Schuss hatte Smajlovic keine Probleme. Dann stand urplötzlich Thorsten Nuhn, der zuvor nicht aufgefallen war, im Mittelpunkt des Geschehens. Binnen einer Minu­te (39./40.) konnte er das Leder zweimal nicht im Tor unterbringen. Beim ersten Versuch scheiterte er an Smajlovic, bei seinem Kopfball vergab er kläglich. „Wir konnten im Mittelfeld keine Akzente setzen, so geht das schon seit Wochen", meinte Bayern-Chef Roland Kilchenstein zur Halbzeit. Zu Beginn der zweiten Hälfte musste er noch mehrfach die Luft anhal­ten. Larry Ransom und Bogdan Jovanovic hätten die Partie entscheiden können. Zu­nächst zischte eine Direktabnahme Ransoms (48.) haarscharf am Tor vorbei, dann tanzte Jovanovic (51.) mehrere Gegenspie­ler aus, zielte jedoch über das Tor. Kein Wunder, dass SGB-Vize Herbert Reu­ter mit zunehmender Spielzeit immer ner­vöser wurde. Außer Freistößen, die nichts einbrachten, hatte der Gegner allerdings nichts zu bieten. Torjäger Benny Goedecke hing völlig in der Luft. Die letzten Minuten glichen einem Waffenstillstand. Keine der beiden Mannschaften wollte noch etwas wagen. Nach 92 Minuten pfiff Schiedsrich­ter Weichert (Bensheim) ab. Holger Trim­hold war heilfroh, den zweiten Matchball genutzt zu haben. „Der Druck war enorm groß, jetzt können wir locker in die letzten zwei Spiele gehen", meinte der SGB-Coach. Reuter blickte bereits nach vorne: „Jetzt beginnt viel Arbeit für uns."
SG Bruchköbel: Peters - Kolodziej, Jakicevic, Jä­ger, Ransom - Jovanovic (90. Svidran), Schnarr, Schnobl, Rozic (68. Bick) - Dedmond, Nuhn (78. Reuthal) –
Tore: Fehlanzeige - Schiedsrichter: Weichert (Bensheim) - Zuschau­er: 750 - Beste Spieler: Jovanovic, Ransom, Jäger / TW Smajlovic; Lenhardt
(Quelle: Hanauer Anzeiger vom 23.05.05)


„Da hätte ich Pampers gebraucht"
Interview mit SGB-Torwart Thorsten Peters: Abwehrstärke und Thekenabende als Aufstiegsfaktoren
Vor zwei Jahren verab­schiedete er sich aus der Oberliga. Nach viereinhalb Saisons zog es Thorsten Peters vom SV Erzhausen zur SG Bruchköbel. Jetzt meldet sich der Torhüter zurück in Hessens guter Stube. Dort, wo er auch hin­gehört - mindestens, wie viele meinen. Zweimal - in Fürth und beim FC St. Pauli -hatte Peters die Möglichkeit, den Sprung in den Profifußball zu vollziehen. Beide Male scheute er das Wagnis im letzten Mo­ment. Noch im vergangenen Sommer war Regionalligist Darmstadt 98 am 26-Jähri­gen interessiert. Kürzlich klopfte neben Ex-Club Erzhausen auch Wormatia Worms an. Doch Peters bleibt in Bruchkö­bel - für den Verein ein Glücksfall. Dank seiner Leistung, seiner Präsenz und seiner klaren Worte ist er schnell zu einer Füh­rungsfigur geworden. In 28 Spielen hat Pe­ters nur 21-mal hinter sich gegriffen, kein Torhüter in der Landesliga Süd hat weni­ger Tore kassiert als der frühere Leichtath­let (unter anderem Westdeutscher Meister im Speerwurf). HA-Redakteur Jochen Breideband hat sich am Rande der Aufstiegsfei­erlichkeiten mit Thorsten Peters unterhal­ten.
Herr Peters, was macht den Meister SG Bruchköbel aus?

Thorsten Peters:
„Ganz klar: die Abwehr. Die Jungs haben mir viel abgenommen. Wenn mal was durchgekommen ist, habe ich mich eben anschießen lassen. Auch der Trainer und der Co-Trainer haben eine tra­gende Rolle gespielt. Holger Trimhold hat es geschafft, die ganze Saison ausschließ­lich mit Sachlichkeit zu absolvieren. Er ist ein guter Psychologe. Und wenn es mal zu ruhig war, hat Joachim Jüriens kräftig draufgehauen. Natürlich haben auch die Thekenabende dienstags und donnerstags zusammengeschweißt."
Was waren die entscheidenden Unter­schiede zur Vorsaison, als die SGB Dritter wurde?
Peters: „Kontinuität und die Abwehr. Letztes Jahr hatten wir 34 Gegentore. Ganz wichtig war die Phase nach der Winter­pause. Im Vorjahr hatten wir zu dieser Zeit einen Hänger, diesmal nicht."
Was erwartet Bruchköbel in der Ober­liga?
Peters: „Spiel, Spaß und Spannung. Der Unterschied zwischen den richtig guten Landesliga-Mannschaften und den schlechten Oberliga-Teams ist nicht groß. Der Unterschied: Die Oberligisten sind cle­verer. Dort zählt Erfahrung. Darum ist es wichtig, dass wir Spieler in die Mannschaft bekommen, die diese Erfahrung mitbringen. Wenn ich mich an meine ersten fünf Oberliga-Spiele erinnere: Da hätte ich Pampers gebraucht. Ich hoffe, dass unsere jungen Spieler sich nicht so beeinflussen lassen."
Was muss sich personell tun?
Peters: „Wir brauchen dringend einen zweiten Torwart und Stürmer. Thorsten Nuhn ist zwar eine Koryphäe, und ich ver­stehe auch nicht, wie man mit so wenigen Metern so viele Tore machen kann, den­noch sind mindestens zwei Stürmer nötig. Dazu noch ein richtiger Spielmacher und einen für die Abwehr. Wichtig ist: Die Spieler, die kommen, muss man blind ein­bauen können."
Mehr Spieler bedeutet noch mehr Kon­kurrenzkampf. Inwieweit wäre da­durch der so oft gepriesene Mann­schaftsgeist gefährdet?
Peters: „Ich habe diesbezüglich hier nie Probleme erlebt. Nehmen wir zum Beispiel Jeffrey Nathaniel: Den kannte keiner, als er im Winter kam. Er konnte kein Deutsch, trotzdem wurde er geil integriert. Beim Pokalfinale haben wir ihn so lange angefeuert, bis er den ganzen Abend Flick­flacks geschlagen hat. Wir haben hier kei­nen Spieler, der dem anderen nichts gönnt. Alle sind leistungsorientiert." (Quelle: Hanauer Anzeiger vom 23.05.05)

Meister-Stimmen
Holger Trimhold (Trainer Bruchköbel):
„Ich bin froh, dass es vorbei ist. Diese Ner­venbelastung hätte ich nicht noch zwei Spiele lang ertragen. Ich denke, wir haben in dieser Saison nicht so gut Fußball ge­spielt wie in der letzten, weil wir diesmal Mitfavorit waren. Umso höher ist die Meis­terschaft einzuschätzen. Wir haben die meisten Tore geschossen, die wenigsten kassiert - mehr geht nicht."

Dragan Jaklcevic (Abwehrchef Bruchköbel): „Der Aufstieg ist ein schönes Ge­fühl. Wir sind Meister, weil wir konstan­ter waren als alle anderen. Letztes Jahr ha­ben wir den besseren Fußball gespielt, die­ses Jahr den erfolgreicheren."

Stephan Svidran (Bruchköbel): „Als ich in Langendiebach war, hatte ich eigentlich keine großen Ambitionen mehr. Bruchkö­bel war aber ein interessantes Angebot, und es hat sich gelohnt. Nach neun Jahren komme ich wieder in die Oberliga. Aber diesmal ist es anders, damals waren wir ja mit Rot-Weiß Frankfurt aus der Regional­liga abgestiegen."

Thorsten Nuhn (Bruchköbel): „Ein sen­sationelles Gefühl. Wir haben uns das über die ganze Saison verdient. In der Winter­pause war ich überzeugt, dass wir es schaf­fen. Was uns in der Oberliga erwartet? Kei­ne Ahnung. Ist mir im Moment auch egal. Ich kann das noch gar nicht richtig reali­sieren."
Christian Siegfart (Bruchköbel): „Natürlich freue ich mich, aber ein bisschen Wehmut ist auch dabei, weil ich am Sai­sonende gehe. Die SG Bruchköbel ist von der Struktur, dem Umfeld und der Mann­schaft her der beste Club, für den ich je ge­spielt habe. Aufgestiegen sind wir dank ei­nes überragenden Torwarts und einer sta­bilen Abwehr - plus Thorsten Nuhn als Torjäger."

Bogdan Jovanovic (Kapitän von Bruchköbel)  Es ist eine Riesenlast abgefallen. Unsere Stärke war, dass   wir bei Auswechslungen keinen Leistungsabfall hatten. Es ist mein dritter Aufstieg hier, mit der Oberliga hat sich ein Traum bewahrheitet. Natürlich bin ich stolz, Kapitän so einer Mannschaft zu sein."

Martin Kirchner (Sportlicher Leiter
Germania Niederrodenbach): „Die Meis­terschaft ist die logische Konsequenz aus Bruchköbels Kader. Er war am besten be­setzt, auch in der Breite. Es ist fast egal, wer von diesen 16 Spielern aufläuft. Diese Leistungsdichte braucht man, wenn man aufsteigen will. Es ist schon super, dass es Bruchköbel geschafft hat. Jetzt sieht man wieder Mannschaften im Kreis Hanau, über die man sonst nur in der Zeitung gele­sen hat. Gespannt bin ich auf die Zugänge, Im Sturm braucht die SGB auf jeden Fall noch etwas."

Alfred Haas (HA-Experte, langjähriger
Trainer in der Oberliga): „Es ist eine haushoch verdiente Meisterschaft. Man hat heute einen deutlichen Unterschied zwischen dem Tabellenersten und -zweiten gesehen. Alzenau hatte fast keine Chance, Bruchköbel hätte das Spiel gewinnen müs­sen. Für die Region ist der Aufstieg eine Bereicherung - und ich freue mich beson­ders, weil ich mit meiner Prognose im Fußball-Magazin des HA vor Saisonbeginn richtig gelegen habe."

Gerald Mai (Spieler Bayern Alzenau):
„Bruchköbel wollte heute nicht mehr, wir konnten nicht mehr. Wir können mit dem Ergebnis gut leben. Bruchköbel war die stärkste Mannschaft in der Landesliga, sie haben den konstantesten Fußball ge­spielt." (Quelle: Hanauer Anzeiger vom 23.05.05)

Meister-Splitter
Endlich: Die Lizenz ist da

Die erste gute Nachricht gab es für die SG Bruchköbel schon vor dem Anpfiff. Thors­ten Becker, Rechtswart des Hessischen Fußball-Verbandes, hatte die Lizenz für die Oberliga mitgebracht. Auf grünem Pa­pier erfuhren die Verantwortlichen des Meisters offiziell, dass sie die Zulassung ohne Auflagen erteilt bekommen.

Wirsing vor Wechsel nach Bruchköbel

Unter die 800 Besucher des Spitzenspiels hatte sich auch ein potenzieller Bruchköbeler Neuzugang gemischt. Thomas Wir­sing sah sich mit Frau und Kind das Team an, dessen Trikot er wahrscheinlich in der kommenden Saison tragen wird. „Die Ten­denz geht in Richtung Bruchköbel", sagte er. Eine Rückkehr zu seinem langjährigen Verein SV Bernbach scheint kein Thema mehr zu sein.

Heine kündigt drei Neue an

Abgesehen von der Personalie Wirsing si­ckerte auch am Meistertag wenig von Bruchköbels Transferaktivitäten durch. Der Sportliche Leiter Dieter Heine nannte erneut keine Namen, kündigte aber noch drei Neue an: einen für die rechte Seite der Viererkette, einen fürs zentrale Mittelfeld und einen für den Sturm - allesamt „gute Oberligaspieler", wie Heine meinte: „Wir wollen jetzt optimale Abschlüsse." Den Fliedener Serkan Ucar hat das Vorstands­mitglied von seiner Liste gestrichen.

Meister-Shirts mit Pfeil

T-Shirts fehlen heutzutage bei so gut wie keinem Aufstieg. Bruchköbels rote Ober­teile (Foto) waren schlicht und aussage­kräftig: Unten stand „Landesliga", darüber „Oberliga" und dazwischen ein Pfeil, der nach oben zeigte. Und für Begriffsstutzige prangte auf der linken Brust die Auf­schrift „SGB 2005 Meister". Zusagen von Jakicevic und Jovanovic. Kurz nach dem Spiel waren sich Dragan Jakicevic und Bogdan Jovanovic noch unchlüssig. Gegen 19 Uhr vermeldete Die­ter Heine: Alles klar, beide Leistungsträ­ger bleiben. Damit haben alle Stammspie­ler für die kommende Saison zugesagt. Kei­ne Zukunft mehr bei der SGB hat Jeffrey Nathaniel. Obwohl während seines fünf­monatigen Gastspiels nur zweite Wahl, sucht der Ex-Schwemfurter den Weg in den Profibereich.