Frust und ein Funken Hoffnung

Oberliga: Bruchköbel nach 0:0 gegen Baunatal sportlich abgestiegen - Letzter Strohhalm Eschborn

SG Bruchköbel: Peters - Jäger, Leopold,
Kolodziej,  Ransom - Schnobl (30. Dogan), Jovanovic, Rozic (75. Musci), Bick -
Dedmond (67. Nuhn),  Svidran

Tore: Fehlanzeige - Zuschauer: 750 -
Schiedsrich­ter: Künzl (Reichelsheim) - Beste Spieler: Jäger, Bick

Die Verzweiflung wurde von Minute zu Minute größer. Die Trai­ner schrien, die Zuschauer stöhnten. Dann blies Schiedsrichter Patrick Künzl ein letztes Mal am gestrigen Nachmittag in seine Pfeife, und Entset­zen machte sich bei der SG Bruchköbel breit. Das 0:0 gegen den KSV Baunatal hat dem Oberliga-Neuling nicht ge­reicht.

Die zeitgleichen Siege der Kon­kurrenten Eintracht Frankfurt U 23
(3:0 in Bad Vilbel) und FSV Steinbach (2:1 gegen Waldgirmes) ließen die SGB auf den drittletzten Platz abrutschen. Sportlich ist der Hanauer Kreisverein damit abgestiegen. Ein Funken Hoff­nung aber bleibt.

Die Bruchköbeler sind davon abhängig, wie das Urteil im Fall FC Eschborn aus­fällt. Bekommt der Regionalliga-Absteiger keine Lizenz, bleibt die SGB vor dem Gang in die Landesliga verschont. Eine Ent­scheidung ist „frühestens im Laufe der kommenden Woche" zu erwarten, wie der Hessische Fußball-Verband gestern in ei­ner
Pressemitteilung bekannt gab. In ers­ter Instanz hatte der HFV den Eschbor­nern die Lizenz verweigert. Der FCE, ge­gen den ein Insolvenzverfahren läuft, hat dagegen ebenso Beschwerde eingelegt wie gegen die anschließend vom Verband ge* forderten Auflagen.

Keine Lizenz für Erzhausen

Definitiv ohne Oberliga-Lizenz steht der SV Erzhausen da, dem kürzlich der Haupt­sponsor abgesprungen war (der HA berich­tete). „Wir können uns aus finanziellen Gründen die Oberliga nicht mehr leisten", erklärte Abteilungsleiter Karl-Heinz Häus­ler gegenüber der „Offenbach-Post". Ohne Trainer Thomas Epp und vermutlich ohne den Großteil der aktuellen Mannschaft will Erzhausen in der Ländesliga Süd einen Neuanfang starten. Nutznießer ist der FSV Steinbach, dem dadurch der viertletzte Platz in der Abschlusstabelle zum Verbleib in der Oberliga genügt. Während die mit Bruchköbel punktglei­chen Steinbacher und Baunataler dank der besseren Tordifferenz ausgelassen jubel­ten, saß das Entsetzen bei der SGB tief. Coach Joachim Jüriens kauerte mit Tränen in den Augen auf der Bank, die Spieler knieten und lagen verstreut auf dem Ra­sen. „Mit dieser Mannschaft darf man nicht absteigen", meinte Kapitän Uwe Schnobl fassungslos: „Die ganze hausge­machte Kacke hat uns das Genick gebro­chen." Die Unruhe im Team. Der kurzfris­tige Trainerwechsel im Februar. Die ent­täuschenden Neuverpflichtungen. „Die Winterpause war der Knackpunkt", kon­statierte Schnobl, „alles, was dort passiert ist." Mit einem Sieg hätten sich die Bruchköbe­ler, die mit Dragan Jakicevic (Zerrung) und Tobias Oteng-Mensah (beruflich ver­hindert) auf zwei tragende Säulen verzich­ten mussten, gestern aller Sorgen entledi­gen können. 750 Zuschauer bildeten eine passende Kulisse für das Abstiegsfinale, in dem es auch für Baunatal um alles oder nichts ging. Dass die erste halbe Stunde fahrig und frei von Torchancen verlief, konnte daher nicht überraschen. Bogdan Jovanovic setzte mit seinem Lattenknaller (30.) das erste Ausrufezeichen. Fünf Minu­ten später war Ochs auf der Gegenseite frei durch, als ihn Leopold von den Beinen holte. Zum Ärger der Baunataler entschied der Unparteiische nicht auf Notbremse, sondern ließ weiterspielen. Nach der Pause wurde die Partie munte­rer. Die Halbzeitstände der Eintracht (0:0) und der Steinbacher (0:1) schienen die all­gemeine Nervosität ein wenig eingedämmt zu haben.  Peters parierte Schüsse von Daghfous (47.) und Ochs (50.), dann war die SGB an der Reihe: Svidran schlenzte frei­stehend vorbei (55.), eine Hereingabe von Rozic fand keinen Abnehmer (57.), Jovano­vic bolzte einen Abpraller über die Latte (68.).

Jovanovic: „Eine Katastrophe"

Anschließend wurde es wieder unruhiger. An der Bande machten die Tore von den anderen Sportplätzen die Runde. 20 Minu­ten vor Schluss, Steinbach hatte gerade das 2:1 gegen Waldgirmes erzielt, stand Bruchköbel auf dem drittletzten Platz. Trainer Jakicevic, in der Innenverteidi­gung vom wieder in den Kader aufgenom­menen Dennis Leopold vertreten, brüllte sich die Seele aus dem Leib. Es half nichts. Ein Kopfball von Thomas Jäger wurde von Baunatals Torhüter Zeljko klasse pariert und anschließend von der Linie geschla­gen. Jovanovis abgefälschter Schuss lande­te auf dem Tornetz (90.+1), dem Volley-' schuss des mitstürmenden Bruchköbeler Keepers Peters stand ein Verteidigerbein im Weg (90.+2).

Wenige Augenblicke später war Schluss, Baunatal gerettet und die SGB am Boden. „Zum Kotzen, eine Katastrophe", schimpf­te Jovanovic, während sein Trainer trau­rig ins Leere blickte. „Mir tut das sehr weh", kommentierte Jakicevic den ersten Abstieg seiner Karriere: „Ich denke, wir waren eine Bereicherung für die Oberli­ga." Wie es nun weitergeht, vermochte ges­tern keiner zu sagen. „Wir müssen die Ent­täuschung erst einmal verdauen", betonteJakicevic. Was bleibt, ist der Strohhalm Eschborn

Bester Mann, aber nicht Matchwinner

Die SG Bruchköbel in der Einzelkritik: An Jäger führt kein Weg vorbei - Unglücksrabe Schnobl

Thorsten Peters (Tor): Die akute Beschäftigungslosigkeit in der ersten Halbzeit war sicher nicht gut für seine Grippe. Nach dem Seitenwechsel gegen Ochs und Daghfous auf dem Posten. Stürmte in der Schlussphase mit. Hatte sogar den Sieg­treffer auf dem Fuß, doch sein Schuss wur­de im Strafraum abgeblockt.

Dennis Leopold (Innenverteidigung): Am Samstag aussortiert, gestern in der Anfangs-formation. Die Personalnot mach­te es möglich. Zwei, drei haarsträubende Fehlpässe, dazu einmal im Glück, als seine Notbremse gegen Ochs nicht geahndet wurde, doch insgesamt bot der Jakicevic-Ersatz eine ordentliche Leistung. Obwohl er früh einen Pferdekuss bekam, hängte er sich bis zum Schluss voll rein.

Thomas Jäger (Innenverteidigung): Egal, was die Baunataler versuchten, an ihm führte kein Weg vorbei. Hochkonzen­triert, hochmotiviert, hochengagiert. Be­reinigte viele brenzlige Situationen. Bester Mann auf dem Platz. Hätte es verdient ge­habt, zum Matchwinner zu avancieren, doch KSV-Torwart parierte seinen Kopf­ball in der vorletzten Minute.

Darius Kolodziej (Viererkette rechts): Bestätigte seine zuletzt ansteigende Form. Ließ nichts anbrennen. Tadelloser Auf­tritt.

Larry Ransom (Viererkette links): Zu Beginn mit vielen Fouls. Fand erst mit zu­nehmender Spieldauer seinen Rhythmus, ohne über durchschnittliches Niveau hi­nauszukommen. Spielerisch konnte er kei­ne Impulse setzen.

Stefan Bick (Mittelfeld): Zum Saisonfinale legte er endlich seine Zurückhaltung ab. Nur in der Anfangsphase stotterte der Mo­tor ein wenig. Danach viele Flankenläufe, viele gelungene Dribblings, viele gescheite Einfälle. Gegen Ende schien ihm allmäh­lich die Kraft auszugehen.

Uwe Schnobl (Mittelfeld): Kam schwer in Tritt. Wurde dann zum Unglücksraben, indem er sich die Muskelfasern im Ober­schenkel riss und nach einer halben Stun­de ausgewechselt werden musste.

Igor Rozic (Mittelfeld): Polarisierte ein­mal mehr. Versuchte einiges in der Offen­sive, das meiste misslang. Weigerte sich hartnäckig, einfache Pässe zum Neben­mann spielen. Trennte sich fast immer zu spät vom Ball. Seine aufreizend lässige Art trieb Zuschauer und Mitspieler auf die Barrikaden. Seine Auswechslung schien früher angebracht.

Bogdan Jovanovic (Mittelfeld): Sprühte wieder vor Energie. Beim Lattenschuss im Pech. Einen Power-Mann wie ihn hätte die SGB in dieser Saison früher gebrauchen können.

Tony Dedmond (Sturm): Sein zweites Saisontor blieb Illusion. Inmitten von Baunatals Viererkette hoffnungslos verloren. Verlor fast jeden Ball.

Stephan Svidran (Sturm): Begann im Angriff, ehe er nach Schnobls Ausscheiden ins Mittelfeld zurückgezogen wurde. Mit . Licht und Schatten. Sehr engagiert, doch die großen Akzente blieben aus.

Engin Dogan (ab 30. Minute): Mit Eifer bei der Sache, doch der Aufwand deckte sich nicht mit dem Ertrag. Macht sich mit seiner Ballverliebtheit das Leben selbst schwer. Ob er weiß, dass Direktspiel im Fußball erlaubt ist?

Thorsten Nuhn (ab 67. Minute): Diesmal blieb das Tor-Phantom bis zum Schluss verschwunden. Kam nach einer Einwechs­lung nicht entscheidend zum Zuge.

Audenzio Musci (ab 75. Minute): Eine Viertelstunde ohne nennenswerte Aktio­nen zum Abschied. Die Vertragsauflösung ist perfekt. Noch ohne Verein für die kom­mende

Stimmen zum Spiel

Dragan Jakicevic (Spielertrainer SG Bruchköbel): „Ich habe schon vor zwei Wochen gesagt: Hoffentlich rächt sich nicht unsere Tordifferenz. Ich kann der Mannschaft in den letzten sieben, acht Spielen keinen Vorwurf machen. Auch heute haben die Jungs alles gegeben."

Joachim Jüriens (Trainer Bruchköbel): „Man sollte jetzt keinen mehr einzeln kriti­sieren. Wir haben alle Fehler gemacht. Wir müssen wohl einen Neuanfang in der Landesliga starten und versuchen, schnell wieder in diese schöne Liga aufzusteigen."

Erhard Hofeditz (Trainer Baunatal): „Das Spiel war reine Nervensache, nach 90 Minuten waren wir die glücklichere Mann­schaft. Wir haben unser Ziel Klassenerhalt erreicht. Es war ein hartes Stück Arbeit."

Thomas Jäger (Bruchköbel): „Einige ha­ben sich gesteigert, aber es war immer noch zu wenig. Charakterlich hat es in die­ser Saison einfach nicht gestimmt. Wenn die richtigen Spieler kommen und die rich­tigen gehen, bleibe ich in Bruchköbel. Wenn nicht, gehe ich. Notfalls spiele ich bei meinem Heimatverein SV Wolfgang."

Thorsten Nuhn: „Mit einem Abstieg been­de ich meine Karriere sicherlich nicht."

Dennis Leopold: „Am Mittwoch habe ich erfahren, dass ich spiele. Ich habe Gas ge­geben und meine Streitereien mit den Trai­nern beiseite gestellt, weil es um den Ver­ein ging. Jetzt muss man auf Eschborn hoffen. Die SGB hätte es verdient, in der Oberliga zu bleiben."

Alfred Haas (HA-Experte): „Bruchköbel war immer ein Verein, in dem nie Unruhe geherrscht hat. Dieses Jahr hat es Unruhe gegeben, und das hat sich ausgewirkt. Der Abstieg ist schade für die ganze Region. Man muss sehen, wie die SGB das in der Landesliga auffängt."

„Will nicht als Wrack enden"

Reizfigur Heine erklärt Rücktritt als Sportlicher Leiter

Das Handy ließ Dieter Heine gestern Nachmittag nicht aus den Händen. Der Optikermeister war zu jedem Zeit­punkt informiert, was auf den Plätzen in Bad Vilbel und Steinbach vor sich ging. Heine fieberte und litt mit, er hoffte und zitterte. Eines aber war schon zu diesem Zeitpunkt klar: Den Sportlichen Leiter Hei­ne wird es in Bruchköbel nicht mehr ge­ben.

Bereits vor drei Wochen habe er die' Ent­scheidung getroffen, teilte er nach Spielschluss mit, „ganz unabhängig vom Sai­sonausgang". Mit seinem Rücktritt zieht er die Konsequenzen aus der missglückten Transferpolitik nach dem Oberliga-Auf­stieg sowie der Kritik, die in den vergange­nen Monaten verstärkt auf ihn einprassel­te und ihn zur Reizfigur stempelte. „Mir sind die ganzen Ereignisse sehr nahe ge­gangen, auch gesundheitlich", erklärte Heine gegenüber dem HA: „Ich möchte mir das nicht mehr antun, ich will hier nicht als Wrack enden und nachts wieder richtig schlafen können." Bei mancher Neuverpflichtung seit Som­mer 2005 habe er '„daneben gelegen", gab der frühere Trainer von Hanaii 93 zu. „Da­für übernehme ich als Sportlicher Leiter die Verantwortung." Zum Sündenbock aber mag sich Heine nicht abstempeln las­sen. „Ich habe nicht alle Entscheidungen alleine getroffen", betonte er und spielte damit nicht zuletzt auf die Trennung von Trainer Holger Trimhold an, die in erster Linie mit ihm in Verbindung gebracht worden war.

Heine räumt einen Posten, aber er geht der SGB nicht verloren. Sein Amt als 2. Vorsit­zender werde er weiterhin ausüben, beton­te er, und sich dabei unter anderem um die Sponsorenpflege kümmern. Im sportlichen Bereich spielt er keine Rolle mehr. „Diese Planungen möchte ich anderen überlas­sen." Vielleicht einem Claus Schäfer. Der Fußball-Lehrer und ehemalige Bruchköbeler Trainer ist bei der SGB als Berater im Gespräch. Wer immer das durch Heines Rücktritt entstandene Vakuum ausfüllt, klar ist, dass auf die Verantwortlichen in den kom­menden Tagen reichlich Arbeit wartet. Noch ist weitgehend unklar, mit welcher Mannschaft der Hanauer Kreisverein in der Landesliga an den Start geht. „Wir müssen uns jetzt Gedanken machen", sagte Abteilungs-Vize Herbert Reuter: „Ich habe keinen Notplan in der Schublade." Dieter Heine sieht trotzdem nicht schwarz: „Der Verein ist stark genug, weiterhin eine gute Rolle zu spielen."